Psychische Erkrankungen und Schlafstörungen

Schlafstörungen sind potenzielle Symptome fast jeder psychischen Erkrankung. Etwa 40 % der Patienten, die bei Schlafstörungen medizinische Hilfe aufsuchen, weisen eine psychische Störung auf. Weniger als 20 % der Patienten mit psychischen Erkrankungen haben keine verbundenen Schlafprobleme.

Bis zu einem gewissen Grad kann die Schlafqualität als Maßstab für die psychische Gesundheit dienen. Aus diesem Grund fragen Psychiater bei der Diagnose immer nach dem Schlafverhalten. Schlafstörungen koexistieren oft mit Angst- und Panikstörungen, Depressionen, ADHS, Schizophrenie und bipolaren Störungen. Problematisch ist, dass die mit diesen psychischen Störungen verbundenen Schlafprobleme es schwieriger machen, die Symptome zu bewältigen, da schlechter Schlaf das Krankheitsbild in den meisten Fällen zusätzlich verstärkt.

Der Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Schlaf

Schlechter Schlaf ist sowohl ein Symptom als auch eine Ursache für psychische Erkrankungen. Schlafstörungen können zur Entwicklung oder zum Bestand von psychischen Erkrankungen beitragen, indem sie die Bewältigung psychischer Probleme erschweren.

Schlafstörungen sind mit vielen anderen Krankheiten verbunden, aber am häufigsten mit psychischen Erkrankungen. Es wird geschätzt, dass fast die Hälfte aller Betroffenen, sowohl von Schlaflosigkeit als auch von Hypersomnie, eine psychische Erkrankung als Ursache aufweisen.

Menschen mit psychischen Erkrankungen berichten oft, dass ihr Schlaf nicht erholsam ist. Sie wachen müde auf, sei es aufgrund von Einschlafproblemen, Schlafunterbrechungen oder vorzeitigen Erwachens. Tatsächlich zeigen viele Studien, dass Patienten mit psychischen Störungen nachweislich eine Veränderungen in ihrer Schlafarchitektur erfahren. Häufig verbringt der Einzelne mehr Zeit in den leichteren, weniger regenerierenden Schlafphasen und weniger Zeit in den für die Erholung kritischen Tief- und REM-Schlafphasen.

Dieser Schlafmangel wiederum macht es schwieriger, mit den Symptomen ihrer psychischen Erkrankung umzugehen. Die REM-Schlafphase des Schlafes bietet uns die emotionale und kognitive Erholung des Schlafes. Mit ausreichend REM-Schlaf fühlen wir uns emotional ausgeglichen und in der Lage, unsere Emotionen zu regulieren und gute Urteile zu fällen. Ohne sie sind wir launischer, anfälliger für Irrationalität und schlechte Entscheidungen und haben Schwierigkeiten, uns an Dinge zu erinnern. Es ist leicht zu erkennen, wie solch ein geistiger Zustand es schwierig macht, mit psychischen Problemen umzugehen.

Unbehandelt können die mit psychischen Störungen verbundenen Schlafprobleme besonders gefährlich sein. Eine Studie der University of Michigan fand einen starken Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und Selbstmord.

In den folgenden Abschnitten werden Schlafstörungen, die häufig mit verschiedenen psychischen Erkrankungen verbunden sind, aufgelistet und erklärt.

Angststörungen

Fast jeder Fünfte leidet an einer Art Angststörung, wie z.B. allgemeine Angststörung, soziale Angststörung, Zwangsstörung (OCD), Phobie, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Panikattacken.

Angst entsteht durch eine Reaktion auf Stress, welcher sich auf das Nervensystem auswirkt. Personen mit einer Angststörung leiden jedoch unter Stress auf einem akuteren Niveau. Unabhängig von der Ursache ihres Stresses „setzt“ ihr Nervensystem nicht wie bei Menschen ohne Angststörung wieder auf den Normalzustand zurück.

Schlafprobleme im Zusammenhang mit Angststörungen

Dieser erhöhte Angstzustand hält das Nervensystem ständig aktiv, in direktem Gegensatz zur Entspannung, die zum Einschlafen notwendig ist. Diese Erscheinung tritt auch auf hormoneller Ebene auf. Das Stresshormon Cortisol, wirkt nämlich entgegengesetzt zu Melatonin, welches für die Schlafförderung verantwortlich ist.

Menschen mit Angststörungen neigen zu den folgenden Schlafstörungen:

  • Schlaflosigkeit: Viele Menschen mit Angststörung leiden unter anhaltenden, angsteinflößenden Gedanken und einem allgemeinen Gefühl der Überforderung. Dieser Grad an Angst macht es schwierig, den Geist vor dem Schlafengehen zu entspannen.
  • Hypersomnie: Einzelpersonen können als Reaktion auf Stress oder Erschöpfung durch Schlaflosigkeit in eine Schlafsucht verfallen. Schlaflosigkeit und Hypersomnie treten in vielen Fällen von Angststörungen häufig gemeinsam auf:
  • Albträume: Ein häufiges Symptom von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), bei dem die Betroffenen das Trauma während eines intensiv lebhaften Traums erneut durchleben.
  • Nächtliche Panikattacken: 44 bis 71 % der Patienten mit Panikstörung erleben nächtliche Panikattacken. Sie treten in der Non-REM-Phase auf. Das Betroffene erwacht und verspürt extreme Panik oder Angst, möglicherweise begleitet von Schweißausbrüchen, Schmerzen in der Brust und einer erhöhten Herzfrequenz.

Behandlung

Die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), ist eine der effektivsten Behandlungen für Menschen mit Schlafproblemen im Zusammenhang mit ihrer Angststörung. Therapeuten arbeiten mit Patienten zusammen, um sie über gesunde Schlafgewohnheiten aufzuklären und bringen ihnen bei negative Gedanken zu erkennen und mit positiven zu erstzen.

Zusätzliche Ressourcen:

  • Leitfaden für Angst und Schlaf
  • Wie wirkt sich ein Trauma auf den Schlaf aus?

Depressionen

Jährlich erkranken etwa 8,2 % der Menschen in Deutschland an Depressionen. Die negativen Auswirkungen, der Verlust des Interesses an ehemals angenehmen Aktivitäten, Selbstmordgedanken und andere Symptome, beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich.

Schlafprobleme im Zusammenhang mit Depressionen

Schlaflosigkeit betrifft 75 % der Menschen mit Depressionen und ist ein Risikofaktor für Selbstmord unter den Betroffenen. Depressive Menschen benötigen in der Regel länger zum Einschlafen, haben eine verkürzte Schlafdauer, einen fragmentierten Schlaf und verbringen weniger Zeit im REM-Schlaf. Forscher haben Gruppen von Schlaflosen in Langzeitstudien untersucht und fanden heraus, dass Schlaflosigkeit das Risiko einer späteren Entwicklung von psychischen Erkrankungen erhöht.

Entwicklung der Hirnströme über die Nacht bei einem normalen Probanden (a) und einem depressiven Patienten (b). Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16194795

Zusätzlich zur Schlaflosigkeit können Menschen mit Depressionen anfällig für die folgenden Schlafstörungen sein:

  • Hypersomnie: Betrifft 40 % der jungen Erwachsenen und 10 % der älteren Erwachsenen mit Depressionen.
  • Obstruktive Schlafapnoe (OSA): OSA ist eine schlafbezogene Atemstörung, bei der die Betroffenen während des Schlafes kurzzeitig aufhören zu atmen, was den Sauerstoffgehalt im Blut senkt und den Schlaf unterbricht. Personen mit Schlafapnoe erkranken mehr als 5-mal häufiger an schwerer Depression.

Behandlung

Für die Behandlun von Depressionnen werden üblicher Weise Antidepressiva verschrieben. Leider können viele der zur Behandlung von Depressionen verschriebenen Antidepressiva Schlaflosigkeit verursachen oder verschlimmern, was wiederrum die Depression verstärken kann.

Bestimmte Antidepressiva werden jedoch auch zur Behandlung von Schlaflosigkeit eingesetzt. Amitriptylin, Trazodon oder Mirtazapin sind als beruhigende Antidepressiva bekannt, und die heute gebräuchlichsten SSRI-Medikamente werden auch bei Patienten mit Schlafstörungen eingesetzt.

Ähnlich wie bei Angststörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie auch bei Depressionen wirksam. Der Betroffene lernt mit den negativen Gedanken umzugehen, sodass ein besserer Schlaf ermöglicht wird.

Bei Winterdepressionen ist die Lichttherapie eine wirksame Methode die Depression zu bekämpfen. Mit hilfe von hellen Licht wird die innere Uhr zurückgesetzt

Bei dieser Therapie wird jeden Tag für eine bestimmte Zeit vor einem speziellen Lichttherapie Gerät gesessen, um die innere Uhr zurückzustellen. Lichttherapie am Morgen hilft aufzustehen, während eine Sitzung am frühen Nachmittag hilft, wach zu bleiben und nicht zu früh einzuschlafen.

Zusätzliche Ressourcen:

Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung

Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurobiologische Störung, die häufig im Kindesalter diagnostiziert wird. Sie betrifft 5 % der Kinder und kann für viele bis ins Erwachsenenalter andauern. Die Störung ist gekennzeichnet durch Verhaltenssymptome, die überwiegend in Kategorien von Unachtsamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität fallen.

Schlafstörungen im Zusammenhang mit ADHS

Die Symptome von ADHS, zusammen mit den zur Behandlung verwendeten Medikamenten, führen zu fragmentiertem Schlaf und möglichen Schlafstörungen.

Menschen mit ADHS sind anfällig für die folgenden Schlafstörungen:

  • Schlaflosigkeit: Bis zu 75 % der Menschen mit ADHS sind davon betroffen. Einige Forscher glauben, dass dies auf einen verschobenen zirkadianen Rhythmus zurückzuführen sein könnte. Neben der Schwierigkeit, einzuschlafen, können Menschen mit ADHS auch nachts häufig aufwachen.
  • Übermäßige Tagesschläfrigkeit: Aufgrund ihrer Schlafprobleme sind Menschen mit ADHS tagsüber deutlich häufiger müde, auch wenn sie die gleiche Menge an Schlaf bekommen wie ihre Altersgenossen ohne ADHS.
  • Schlafapnoe: Sie weisen mit doppelter Wahrscheinlichkeit eine schlafbezogene Atmungsstörung auf.
  • Periodic Limb Movement Disorder (PLMD): PLMD beschreibt eine Tendenz, die Beine während des Nicht-REM-Schlafes wiederholt zu bewegen. Solche Bewegungen verhindern, dass der Körper sich während des Schlafes vollständig ausruht und erholt.
  • Restless Leg Syndrom (RLS): RLS ist ein Zustand, in dem der Mensch in seinen Beinen ein unangenehmes Kribbeln verspürt, oft in Rückenlage. Um Erleichterung zu finden, müssen diese bewegt werden. Verständlicherweise verhindert diese Bewegung das Einschlafen.

Behandlung

Die Medikamente zur Behandlung von ADHS-Symptomen führen oft zu Schlafstörungen. Länger wirkende ADHS-Medikamente haben tendenziell stärkere Auswirkungen auf den Schlaf. Es ist wichtig, dass Personen mit ADHS ihren Arzt über alle vorliegenden Schlafprobleme informieren, damit diese bei der Entwicklung eines Behandlungsplans berücksichtigt werden können.

Die kognitive Verhaltenstherapie wird auch zur Behandlung von Schlafproblemen bei Menschen mit ADHS empfohlen. Um Geist und Körper zu beruhigen und den Hyperaktivitätssymptomen von ADHS entgegenzuwirken, können sich Therapeuten besonders auf progressive Muskelentspannung und Stimuluskontrolltechniken konzentrieren.

Die Schlafrestriktionstherapie wird bei Menschen mit ADHS ebenfalls angewandt. Die Patienten halten sich strikt an einen Schlafpan, verbringen nur während dieser Stunden Zeit im Bett und lassen keine Nickerchen oder Schlafzeiten außerhalb davon zu.

Darüber hinaus kann die Lichttherapie bei verzögerten zirkadianen Rhythmen helfen.

Das Schlafen unter einer Gewichtsdecke kann bei Menschen mit RLS-Symptomen Abhilfe schaffen. Die allgemeine Regel ist, eine Decke zu finden, die 10 % des Körpergewichts wiegt.

Zusätzliche Ressourcen:

  • ADHS und Schlaf

Schizophrenie

Im Durchschnitt erkrankt etwa 1 % der Bevölkerung an Schizophrenie. Diese schwere psychischen Erkrankung stört die Fähigkeit, die Realität zu verarbeiten, Emotionen zu steuern und mit anderen zu kommunizieren. Sie wird von lähmenden Symptomen wie Halluzinationen und Psychosen begleitet.

Schlafstörungen im Zusammenhang mit Schizophrenie

Zwischen 30 und 80 % der Menschen mit Schizophrenie leiden an Schlafstörungen.

Zu den Schlafproblemen, die bei Schizophrenie auftreten, gehören:

  • Abnormale oder unregelmäßige Schlafgewohnheiten: Personen mit Schizophrenie neigen zu einem fragmentierten Schlaf und der damit verbundenen Tagesschläfrigkeit, was langfristig den zirkadianen Rhythmus stark negativ beeinflusst.
  • Inkonsistente Schlafdauer: Neben dem Schlafen zu unregelmäßigen Zeiten neigen Menschen mit Schizophrenie dazu,  nicht regelmäßig zu schlafen. Manchmal sind sie anfällig für Schlaflosigkeit, und manchmal anfällig für Hypersomnie.

Da ihr Schlaf sowohl im Bezug auf Zeitpunkt als auch Volumen so unregelmäßig ist, leidet die Schlafqualität. Infolgedessen sind die Betroffenen weniger gut ausgeruht und nicht bereit, mit den Symptomen ihrer Erkrankung umzugehen.

Behandlung

Sogenannten atypischen Antipsychotika, darunter Clozapin, Olanzapin und Quetiapin, haben messbar positive Auswirkungen auf den Schlaf. Schizophrene Patienten schlafen dadurch länger. Einige Medikamente erhöhen die Länge des Tiefschlafes, während andere die REM-Phasen verstärken, ähnlich wie die Wirkung von SSRI-Medikamenten bei Menschen mit Depressionen. Die Behandlung der Schlafstörungen mildert tendenziell die Intensität der psychotischen Symptome der Schizophrenie. Mediziner empfehlen jedoch, die Strategien der kognitive Verhaltenstherapie anzupassen, um die Auslöser einer Psychose zu berücksichtigen.

Zusätzliche Ressourcen:

  • Antipsychotika gegen Schlaflosigkeit

Bipolare Störung

In Deutschland erkranken etwa 1.5 – 3 % der Menschen an einer Bipolaren Störung. Die sichtbarsten Symptome sind starke Schwankungen der Stimmung, des Verhaltens und der Aktivität, begleitet von daraus resultierenden Einschränkungen im Schlaf und Wachzustand.

Schlafprobleme im Zusammenhang mit bipolarer Störung

Die Schlafprobleme, die eine Person mit bipolaren Störungen erfährt, hängen davon ab, ob sich die betroffene Person in einem Zustand der Manie oder Depression befindet.

Zu den häufigsten Schlafproblemen bei Personen mit bipolarer Störung gehören:

  • Insomnie: Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen. Schlaflosigkeit kann sowohl bei Manie als auch bei Depressionen auftreten.
  • Hypersomnie: Schlafsucht. Tritt häufiger bei depressiven Phasen auf.
  • Unregelmäßige Schlafgewohnheiten: Sie treten häufig, insbesondere während bipolarer Anfälle, auf.
  • Verzögertes Schlafphasensyndrom (DSPS): Verschiebung des zirkadiane Rhythmus. Der Betroffene ermüdet zu einem späteren Zeitpunkt, sodass er einschläft und später aufwacht, was im Alltag zu Störungen und Müdigkeit führt, da er sich an den „normalen“ Zeitplan des täglichen Lebens hält. DSPS ist wie leben unter konstantem Jetlag.
  • Obstruktive Schlafapnoe: Tritt signifikant häufiger bei Personen mit bipolaren Störungen auf. Die durch die Schlafapnoe verursachten Atemstörungen stören den Schlaf, was zu einer weiteren manischen Episode führen oder die Bewältigung von Depressionen erschweren kann.

Behandlung

Je nach den verschiedenen Episoden werden unterschiedliche Mediakamente verwendet, wobei die Stimmungsstabilisierung durch Phasenprophylaktika das Grundgerüst jeden medikamentösen Therapie ist.

  • Manie: Verabreichung von Neuroleptika.
  • Depression: Verabreichung von Antidepressiva.

Die kognitive Verhaltenstherapie ist bei bei Personen mit bipolarern Störungen ebenfalls ein wirksames Mittel. Die Betroffenen lernen Warnsysteme und Verhaltenstechniken, um extreme Phasen zu vermeiden.